Interview mit Tanja Stein

Foto von Tanja Stein - ALH Absolventin

Tanja Stein - Absolventin Traumafachberaterin

Fangen wir ganz vorne an: Erzähl uns gerne etwas über Deinen persönlichen und beruflichen Weg. Was hat Dich bisher geprägt und welche Rolle spielen psychologische oder beratende Themen dabei?
Im Jahr 2010 habe ich mein Studium zur Diplom-Pädagogin abgeschlossen. Nach einem kurzen beruflichen Exkurs in der stationären Behindertenhilfe arbeite ich seit 2011 im ambulant betreuten Wohnen mit psychisch erkrankten Erwachsenen.

In meiner täglichen Arbeit begleite und berate ich Menschen mit unterschiedlichstem Unterstützungsbedarf und den verschiedensten psychischen Erkrankungen. Dabei geht es nicht nur um die konkrete Unterstützung im Alltag, sondern auch darum, Menschen in herausfordernden Lebenssituationen zu verstehen, sie individuell zu begleiten und gemeinsam mit ihnen passende Wege und Lösungen zu entwickeln.

Psychologische und beratende Themen sind somit seit vielen Jahren ein fester und wesentlicher Bestandteil meiner beruflichen Tätigkeit und prägen meinen Arbeitsalltag bis heute.

Was hat Dich dazu bewegt, Dich intensiver mit dem Thema Trauma auseinanderzusetzen und die Ausbildung zur Traumafachberaterin zu beginnen? Gab es einen bestimmten Moment oder eine Erfahrung, die diesen Wunsch ausgelöst hat?
In den vergangenen Jahren ist mir zunehmend aufgefallen, wie viele meiner Klientinnen und Klienten eine traumatische Vergangenheit mitbringen. Immer häufiger begegnen mir Menschen mit einer PTBS oder KPTBS beziehungsweise mit unterschiedlichen Traumafolgestörungen. Die Fortbildungen, die ich zu diesem Thema besucht hatte, haben mir zwar erste wichtige Einblicke gegeben, gleichzeitig aber auch gezeigt, wie komplex und vielschichtig das Thema Trauma ist. Ich hatte zunehmend das Bedürfnis, hier fachlich sicherer und fundierter zu werden und Menschen mit traumatischen Erfahrungen noch besser begleiten zu können. Die Entscheidung für die Ausbildung zur Traumafachberaterin ist deshalb weniger aus einem einzelnen Schlüsselmoment heraus entstanden, sondern vielmehr aus den vielen Erfahrungen, die ich in meiner täglichen Arbeit gesammelt habe. Ich wollte nicht bei einem oberflächlichen Wissen stehen bleiben, sondern mir ein solides fachliches Fundament schaffen, das mir hilft, traumabezogene Zusammenhänge besser zu verstehen und in meiner Beratung sensibler und bewusster damit umzugehen.

Warum ist Deine Wahl auf die ALH-Akademie gefallen? Was hat Dich an der Ausbildung und unserem Konzept überzeugt?
Für mich war bei der Entscheidung für die ALH-Akademie vor allem wichtig, dass ich Weiterbildung gut mit meinem Alltag verbinden kann. Neben meiner Teilzeitstelle und einer ausgeprägten ehrenamtlichen Tätigkeit habe ich auch eine kleine Familie. Ich wollte mich zwar fachlich weiterentwickeln, aber die Ausbildung musste zu meinem Leben passen und nicht umgekehrt. Ich wollte möglichst flexibel lernen können, ohne ständig unterwegs zu sein oder feste Präsenztermine wahrnehmen zu müssen. Genau das hat mir das Konzept der ALH ermöglicht. Ich konnte die Lernzeiten so in meinen Alltag integrieren, wie es für mich und meine Familie am besten passte. Letztlich hatte ich dadurch das Gefühl, dass ich mich weiterbilden kann, ohne dass meine anderen Lebensbereiche dabei zu kurz kommen. Genau diese Kombination war für mich ausschlaggebend.

Wie hast Du die Ausbildung mit Deinem Alltag und Deinen beruflichen oder privaten Verpflichtungen vereinbart? Was hat Dir dabei geholfen, dranzubleiben?
Besonders hilfreich war für mich, dass ich den Lernort und die Lernzeit weitgehend selbst bestimmen konnte. So konnte ich die Ausbildung gut in meinen Alltag und meine verschiedenen beruflichen und privaten Verpflichtungen integrieren. Gleichzeitig war es mir wichtig, bei der Ausbildung nicht komplett auf mich allein gestellt zu sein. Und genau diese Kombination hat mir bei der ALH sehr gut gefallen. Ich konnte selbstständig und in meinem eigenen Tempo lernen, hatte aber durch die Online-Seminare trotzdem die Möglichkeit, andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenzulernen, mich auszutauschen und gemeinsam zu lernen. Schön fand ich, dass aus diesen Kontakten teilweise ein Austausch über die eigentlichen Seminarzeiten hinaus entstanden ist. Man konnte sich gegenseitig motivieren, Erfahrungen teilen und bei Fragen auch mal auf die anderen zurückgreifen. Das hat mir geholfen, dranzubleiben und die Ausbildung nicht einfach als etwas zu sehen, das ich „abarbeiten“ muss, sondern als einen gemeinsamen Lernprozess. Natürlich hat mir auch die Verbindung von Theorie und Praxis geholfen. Vieles, was ich gelernt habe, konnte ich direkt in meinen beruflichen Alltag mitnehmen und wiedererkennen. Dadurch hatte die Ausbildung für mich einen ganz konkreten Bezug zu meiner täglichen Arbeit und blieb dadurch immer spannend und relevant.

Welche Themen oder Inhalte der Ausbildung sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben – und warum?
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Seminar, in dem wir uns einerseits intensiv mit unserer eigenen Biografie und andererseits mit den Themen professionelles Handeln und professionelle Distanz beschäftigt haben. Gerade der Aspekt der professionellen Distanz hat bei mir einiges angestoßen, da ich dieses Thema in meiner heutigen beruflichen Praxis durchaus differenziert sehe. Im Studium wurde uns die professionelle Distanz sehr stark vermittelt und auch heute begegnet sie einem in der Ausbildung immer wieder als wichtiger Grundsatz. Ich glaube aber, dass Distanz nicht immer automatisch der beste Weg ist, um Menschen wirklich zu erreichen.

In meiner Arbeit im ambulant betreuten Wohnen erlebe ich immer wieder, dass gerade eine gewisse professionelle Nähe entscheidend sein kann. Menschen öffnen sich häufig erst dann, wenn sie das Gefühl haben, als Mensch gesehen, verstanden und ernst genommen zu werden. Für mich bedeutet professionelle Nähe dabei keinesfalls, Grenzen aufzugeben oder unprofessionell zu handeln. Vielmehr geht es darum, empathisch, authentisch und zugewandt zu sein und gleichzeitig die eigene professionelle Rolle im Blick zu behalten. Das Seminar hat mich deshalb vor allem darin bestärkt, meine eigene Haltung zu hinterfragen und immer wieder bewusst zu reflektieren.

Was möchtest Du mit Deinem Wissen aus der Ausbildung künftig machen?
Das Wissen aus der Ausbildung ist bereits jetzt eine große Hilfe in meiner täglichen Arbeit. Ich kann Zusammenhänge besser verstehen, Situationen sensibler einschätzen und Menschen mit traumatischen Erfahrungen bewusster und fachlich fundierter begleiten. Insofern fließt das Gelernte unmittelbar in meine jetzige berufliche Tätigkeit ein. Gleichzeitig merke ich, dass die Ausbildung in mir den Wunsch geweckt hat, mein Wissen auch über meine bisherige Tätigkeit hinaus einzusetzen. Ich kann mir durchaus vorstellen, nebenberuflich als Traumafachberaterin zu arbeiten und mir damit langfristig eine kleine Selbstständigkeit aufzubauen.

Wo möchtest Du in den nächsten Jahren stehen – und welche Rolle spielt die Traumafachberatung auf diesem Weg?
Ich bin ehrlich gesagt gespannt, was mich in den nächsten Jahren beruflich noch erwartet. Zunächst möchte ich meine aktuelle Tätigkeit weiterhin mit Freude ausüben und das Wissen aus der Traumafachberatung einbringen. Gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, mir nebenberuflich ein weiteres Standbein als selbstständige Beraterin aufzubauen. Auch eine Weiterbildung im Bereich Trauerbegleitung würde mich sehr interessieren, da ich viele Berührungspunkte zwischen Trauer und Trauma sehe. Vielleicht führt mich mein Weg auch irgendwann in ein ganz anderes soziales Berufsfeld. Ich möchte mich da nicht zu sehr festlegen, sondern offen bleiben für das, was sich entwickelt. Die Ausbildung hat mir auf jeden Fall neue Perspektiven eröffnet und mir zusätzliches fachliches Handwerkszeug mitgegeben.

Was würdest Du Menschen sagen, die sich für die Ausbildung zur Traumafachberaterin interessieren, aber noch überlegen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist?
Man sollte nicht darauf warten, dass irgendwann der „perfekte Zeitpunkt“ kommt. Wenn man merkt, dass einen ein Thema beschäftigt und man sich darin weiterentwickeln möchte, lohnt es sich, die Möglichkeiten zu prüfen und zu überlegen, wie sich die Ausbildung in den eigenen Alltag integrieren lässt. Für mich war die Entscheidung jedenfalls genau richtig.