Warum Schuld einer Versöhnung nach der Trennung im Wege stehen kann

Wer eine Trennung rückgängig machen möchte, steht oft vor folgendem Problem: Der/die Ex wäre zwar motiviert, wieder mehr gemeinsam zu machen, jedoch gibt es in ihm/ihr eine innere Stimme, die sagt: „Ich hab wegen der Trennung ein schlechtes Gewissen, deswegen sollte ich mich nicht mehr auf diesen Menschen einlassen.“  Im Coaching merke ich sehr oft, dass dies bei Ex-Partner:innen häufig auftritt und einer Versöhnung im Wege steht. Warum es zu so einer „Schuld“ wegen der Trennung bei Ex-Partner:innen kommt und was Du dagegen tun kannst, das erkläre ich Dir in diesem Guide.

Eine Trennung als „Krisenphase“

Für den Verlauf einer Beziehung unterscheidet der Therapeut Karl Lenz folgende vier Phasen:

1. Aufbauphase

2. Bestandsphase

3. Krisenphase

4. Auflösungsphase

In der Krisenphase entscheidet es sich gewissermaßen, ob eine Beziehung beendet wird oder ob man wieder zurück zur Bestandsphase kommen kann. Vielfach mag man meinen, dass eine Trennung von zwei Menschen ein klares Indiz für die Auflösungsphase ist.

Ich sehe es im Coaching bei meinen Klient:innen sehr oft, dass eine Trennung nicht unbedingt in die Auflösungsphase münden muss, sondern dass es möglich ist, entweder den/ die Ex zurückzugewinnen oder eine Trennung rückgängig zu machen. Die Krisenphase kann wie ein starkes „Ruckeln“ an der Beziehung sein – ein Weckruf sozusagen.

Warum eine Trennung nicht gleich die Auflösung der Beziehung bedeuten muss

Das Wort „Beziehung“ an sich ist nur ein Konzept oder eine Benennung, von einer Art und Weise, wie man miteinander umgeht oder umgegangen ist. Wenn man eine Beziehung beendet, also die Trennung ausspricht, ändert sich das Regelset, was man nun tun oder erwarten kann. Es gibt also weniger Verpflichtungen und Zukunftsvisionen. Eine solche „neue“ Regel ist beispielsweise: „Wenn mein:e Ex eine neue Beziehung beginnt, dann ist dies kein Betrug, sondern absolut ok.“

Dennoch ist man nach einer Trennung nach wie vor verbunden, eine Beziehung zwischen den beiden Menschen besteht noch immer. Wenn man um 5 vor 12 Uhr noch in einer Beziehung ist und um 12 Uhr Schluss macht, dann ist man zwar offiziell um 5 nach 12 Uhr getrennt – das Regelset hat sich geändert - aber das Herz ist immer noch in der Beziehung, das Beziehungs-Band besteht nach wie vor – es ist nicht mit der Trennung plötzlich weg. Eine Trennung mündet in diesem Fall nur dann in die Auflösungsphase, wenn beide Partner:innen beschließen: Wir vergessen einander. Dann geht diese Energie in das Beziehungs-Band hinein und bewirkt, dass sich nach und nach auch das Beziehungs-Band auflösen kann.

Wenn nun der Verlassene sagt (der häufigere Fall von Klient:innen, die mich aufsuchen): „Ich möchte, dass wir beide wieder besser miteinander können!“, dann wird diese Energie in das Beziehungs-Band hineinfließen. Auf diese Weise muss eine Trennung nicht gleichbedeutend werden mit der Auflösung des Beziehungs-Bandes.

Warum „Schuld“ nach der Trennung?

Einer Versöhnung nach der Trennung steht oft eine Art Schuld seitens dem/ der Partner:in entgegen, welche/r die Beziehung beendet hatte. Das klingt etwas kontra-intuitiv, denn eigentlich mag man ja meinen, dass der/ die Verlassende sich seiner/ ihrer Sache sicher ist - warum sollte er/ sie sich da schuldig fühlen? Denn durch die Trennung befreit man sich schließlich von all dem Ballast der Beziehung, der nicht mehr guttat.

Aus meiner Erfahrung im Coaching kann ich sagen, dass dies so pauschal nicht stimmt. Gerade bei dem/ der Verlassenden entsteht durch die Trennung oft eine große Schuld.

Warum Schuld bei dem/ der Verlassenden entsteht

Diese Schuld entsteht im Wechselspiel von zwei Teilen. Wenn sich jemand zu einer Trennung entschließt, dann gibt es für ihn/ sie irgendetwas in der Beziehung, das so nicht mehr weitergehen kann. Somit freut sich ein Teil, dass die Trennung nun passiert ist, dass man selbst diesen Schritt gegangen ist und jetzt diese Freiheit errungen hat. Jedoch steht dem entgegen, dass man durch diesen Schritt (also durch die Trennung) auch einem Menschen wehtun muss, den man sehr liebhatte oder vermutlich immer noch hat. Die Schuld entsteht, weil man diesem geliebten Menschen Leid antut.

Ein Klient von mir hatte sich von seiner Partnerin getrennt, dann aber eingesehen, dass die Trennung ein Fehler war und wollte dies unbedingt rückgängig machen. Auch in diesem Klienten hat sich Schuld aufgebaut. Er hatte sich lange nicht getraut, seine Ex anzuschreiben und dachte: „Wenn sie nett zurückschreibt, was ist, wenn ich wieder Schiss kriege? Was, wenn ich ihr wieder weh tue?“ Dies zeigt recht deutlich den Gedanken, den Verlassende oft haben.

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Wie die Schuld einer Versöhnung im Weg stehen kann

Wenn Menschen sich nach einer Trennung wieder versöhnen, dann kann es bei dem/ der Verlassenden vorkommen, dass es für diesen „Freiheits-Teil“ wieder passt – insbesondere, wenn die Trennungsgründe nicht mehr bestehen oder Konfliktlinien gelöst sind. Andererseits besteht die Schuld immer noch.

Eine Klientin hat mir im Coaching vom ersten Treffen nach der Trennung mit ihrem Ex erzählt. Ihr Ex hatte Schluss gemacht, doch beide hatten sich wieder angenähert und jene Gründe, die zur Trennung geführt hatten, bestanden nicht mehr. Die beiden sind essen gegangen und die Klientin merkte, dass ihr Ex immer nervöser geworden ist. Was war da los? Sie hat dies schließlich angesprochen und ihr Ex antwortete: „Du wirst mich jetzt sicher gleich voll schimpfen und mir sagen, wie sehr ich dich verletzt habe, oder?“ Da hat die Klientin gemerkt, dass ihren Ex ein ziemlich schlechtes Gewissen plagte, weil er sich getrennt und ihr dadurch weh getan hatte.

Durch das Coaching bei mir wusste die Klientin, dass so etwas passieren kann und wie sie mit so einer Situation umgehen kann. Und diesen Prozess möchte ich ab jetzt in diesem Artikel etwas näher beleuchten.

Was man tun kann, um dem/der Ex diese Schuld zu „nehmen“

Natürlich kann man dem/der Ex diese Schuld nicht „abnehmen“. Ich meine hier vielmehr: Was kannst Du tun, damit diese Schuld nicht wie ein Elefant im Raum steht, an dem man sich immer vorbeizwängen muss, aber den niemand anspricht?

Um dem/der Ex empathisch begegnen zu können, muss man zunächst selbst anerkennen, dass bei dem/der Ex womöglich eine Schuld vorhanden ist. Und dann kommt der zweite Schritt, nämlich dem/der Ex zu vergeben, dass er/sie sich zur Trennung entschlossen hat.

Einen Sinn in der Trennung finden

Den meisten Menschen fällt es leichter zu vergeben, wenn sie einen positiven Sinn erkennen können, warum die Trennung passieren musste. Viele Klient:innen berichten mir, dass sie durch die Trennung viel über sich selbst gelernt haben. Der Schmerz der Trennung hat dazu geführt, dass sie über sich hinausgewachsen sind und stärker geworden sind.

Wenn Du gerade in so einer Situation bist, dann empfehle ich Dir, nachzuforschen, was wegen der Trennung schwer war und wie du dies dann gemeistert hast. Mache Dir also klar, welche „emotionalen Muskeln“ du trainieren musstest. Eine Klientin hat mir berichtet, dass sie sich nun selbst auch ein Sicherheitsgefühl in der Welt geben kann. Früher, also in der Beziehung, hat ihr dieses Sicherheitsgefühl nur ihr Partner gegeben. Die Trennung hat dazu geführt, dass sie gelernt hat, diese Sicherheit auch in sich selbst zu finden.

Dem/der Ex signalisieren, dass man etwas gelernt hat und dadurch vergeben konnte

Erinnern wir uns an das Beispiel mit meiner Klientin, die mit ihrem Ex beim Essen saß und dieser immer nervöser wurde, weil er damit rechnete, dass sie ihm wegen der Trennung die Meinung sagen würde. Doch wie hat diese Klientin reagiert? Sie wusste aus dem Coaching, dass ihr Ex vielleicht ein schlechtes Gewissen wegen der Trennung haben könnte und sagte folgendes: „Ich verstehe, warum Du glaubst, dass ich Dir böse bin. Ich kann Dir sagen, wie es für mich ist. Ich habe meinen Frieden mit der Trennung gemacht. Für mich war die Trennung ein Weckruf und wenn das nicht passiert wäre, dann wäre ich immer noch in meinen alten Mustern gefangen. Ich habe aus der Trennung gelernt und mir geht es gut damit. Und ich kann auch Dich verstehen, dass Du Dich zu diesem Schritt entschlossen hast. Ich bin Dir nicht böse und ich bin aus friedlichen Absichten gekommen. Deswegen müssen wir nicht über die Vergangenheit reden, sondern können die gemeinsame Zeit genießen.“

Auf diese Weise konnte meine Klientin ihrem Ex empathisch begegnen. Sie hat in ihrem Prozess ihrem Ex vergeben und für sich etwas aus der Trennung gelernt. Dadurch hat sie eine Einladung ausgesprochen, dass ihr Ex sich selbst vergeben darf, sich damals für die Trennung entschlossen gehabt zu haben.

Mach keinen Druck!

In diesen Situationen ist es für viele Menschen sehr verlockend, Druck auf den/die Ex zu machen, ihm/ihr Selbsthilfe-Bücher zu schicken und zu sagen: „Ja, wenn Du die Trennung für Dich auch verarbeiten möchtest und Dir das anschauen möchtest, dann kannst Du das so und so machen!“

Das funktioniert aus meiner Erfahrung nicht. Du kannst Deinem:r Ex hier nur die Türe aufmachen und an der Schwelle warten, durchgehen muss Dein:e Ex jedoch selbst. Meine Erfahrung aus dem Coaching ist auch, dass man hier durchaus etwas Geduld braucht. Ich empfehle meinen Klient:innen immer, sich selbst eine Deadline zu setzen, wie lange man an dieser sprichwörtlichen Schwelle warten möchte. Denn diese Einladung sollte nicht bis in alle Ewigkeit gelten.

Wie es für Dich weitergehen kann

Wenn Du gerade in so einer Situation bist, dann möchte ich Dich einladen, Dich auf die Suche zu machen, was an der Trennung dein Wachstumspotenzial ist. Finde also jenen emotionalen Muskel, den Du durch die Trennung trainieren kannst, sodass Du gestärkt daraus hervorgehen kannst. (Das gilt übrigens unabhängig davon, ob Du Dich mit Deinem:r Ex wieder versöhnen möchtest oder mit der Beziehung abschließen möchtest.)

Alles Liebe,

Lena

Lena Kager

Über die Autorin:

Für Lena Kager sind Beziehungen eine Chance auf Wachtsum, ein Sprungbrett, um das eigene Leben anzupacken. Deshalb unterstützt sie Menschen dabei, ihre Beziehungen im beruflichen wie im privatem Kontext wieder aufleben zu lassen. Bei uns hat sie dazu ihre Ausbildung zur Paarberaterin erfolgreich absolviert. Und wenn Du Interesse an ihren Coachings hast, kann Du Dich auf Lenas Website noch weiter informieren und einfach mit ihr in Kontakt treten. Zusammen mit Dr. Stephan Kraft hat sie außerdem das Beziehungs-Portal szenario-zwei gegründet - vorbeischauen lohnt sich!

 

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