Raus aus dem Wolfspelz – hin zur Giraffe!

Wertschaetzende Kommunikation

„Immer kommen Sie zu spät zu unseren Meetings!“… „Du hörst mir nie richtig zu, wenn ich mit Dir rede! …“ „Mach endlich Deine Hausgaben! Andere Kinder stellen sich doch auch nicht so an…“ – Ob im Berufsleben, in der Partnerschaft oder im Familienalltag: Meist unbewusst schleicht sich die „Wolfssprache“ in unseren Wortschatz ein. Damit ist ein vorwurfsvoller, verletzender und bewertender Sprachstil gemeint. Die Folge: Konflikte entstehen oder werden weiter befeuert. Dem gegenüber stellte der amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg die „Giraffensprache“, die auch als „Gewaltfreie bzw. Wertschätzende Kommunikation“ international bekannt wurde. Diese Kommunikationsweise basiert auf Empathie und achtsamer Wahrnehmung als Voraussetzungen für eine gelingende Kommunikation. Das Ziel: Eine Gesprächsatmosphäre zu schaffen, in der alle Beteiligten aus eigener Motivation an einer Lösung arbeiten.

Die "Giraffensprache"

In unserer Arbeits- und Lebenswelt entstehen Konflikte immer häufiger aufgrund von kommunikativen Missverständnissen. Zum einen ist das sicherlich dem mittlerweile sehr schnellen bzw. digitalen Kommunikationsverhalten geschuldet. Zum anderen neigen wir dazu, über Mitmenschen bzw. Situationen zu urteilen oder Gegebenheiten sehr subjektiv zu interpretieren, so dass wir schnell etwas „in den falschen Hals“ bekommen. Rosenbergs „Giraffensprache“ ist eine Kommunikationsweise, die sich mit ihrem großen Herzen und ihrem Blick aus der Meta-Ebene anders auszudrücken weiß. Allen voran geht es darum, unsere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und in Ich-Botschaften zu kommunizieren.

Wie kann es gelingen, den Wolfspelz schrittweise abzustreifen und mit dem mitfühlenden Herzen der Giraffe zu sprechen? Grundvoraussetzung für die wertschätzende Kommunikation ist eine achtsame Haltung sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber. Dazu gehört, sich zunächst auf einen Prozess der Selbstempathie einzulassen. Denn wer sich dem eigenen Innenleben bewusster wird, kann sich leichter und klarer gegenüber seinen Mitmenschen ausdrücken – und diese verstehen lernen. Diese Fähigkeiten sind besonders in Konfliktsituationen wichtig.

Den inneren Wolf auf Diät setzen

Konflikte kosten Zeit, Geld, Lebensqualität und jede Menge Nerven – was langfristig zu Lasten der Gesundheit gehen kann. Daher lohnt es sich, den inneren Wolf auf Diät zu setzen und immer mehr das Mitgefühl der Giraffe zu kultivieren.

Mit den folgenden vier Schritten nach Rosenberg sowie den dazugehörigen Fragestellungen kann jeder für sich in die Selbstklärung und anschließend in die Kommunikation nach außen gehen:

  1. Beobachtung: Wie hat sich die Situation wirklich zugetragen? Was davon ist beobachtbar, was meine eigene Bewertung? Was hätte eine Videokamera rein objektiv von außen betrachtet aufgezeichnet (Zahlen, Daten, Fakten)?
  2. Gefühl: Welches Gefühl bzw. welche innere Grundstimmung nehme ich in mir wahr in Bezug auf die Situation? Handelt es sich um ein „echtes“ Gefühl, für das ich die Verantwortung übernehme oder vielmehr um einen Gedanken, mit dem ich meinem Gegenüber die Schuld zuweise (z.B. „Ich bin traurig“ vs. „Ich fühle mich von Dir im Stich gelassen“)?
  3. Bedürfnis: Was ist mir wichtig? Was brauche ich im Hier und Jetzt? Was hätte ich in der Situation gerne (anders) gehabt?
  4. Bitte: Was könnte zukünftig dazu beitragen, meine Arbeits-/Lebensqualität zu verbessern? Wie kann ich meinen Wunsch so konkret und positiv wie möglich formulieren? Wie geht es mir damit, wenn meine Bitte nicht erfüllt wird (Wichtig: Eine Bitte ist keine Forderung!)?

Literatur:
Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation. Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen. Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Paderborn, 2001

Aline Schid

Über Aline Schmid:

 Aline Schmid ist freiberuflich als Autorin und Dozentin für die ALH-Akademie tätig. In der Ausbildung zum Achtsamkeitstrainer lernen die Teilnehmer in 12 Monaten unter anderem mithilfe der achtsamen, wertschätzenden Kommunikation sich selbst und ihre Mitmenschen besser wahrzunehmen und zu verstehen.