Vom Wolken beobachten & achtsamer werden

         -Im Gespräch mit Jacqueline Bencsik über Achtsamkeit für Kinder

Schulen, Spielplätze und Kindergärten sind geschlossen und Kinder können sich nicht mehr mit ihren Freunden treffen. Wir haben uns mit Sozialpädagogin Jacqueline Bencsik darüber unterhalten, wie wir Kinder zu dieser Zeit im Alltag mit Achtsamkeitsübungen unterstützen können und damit ihre psychische Widerstandskraft stärken.

Liebe Jacqueline, wir erleben gerade eine Situation, die uns alle zum Nach- und Umdenken bringt. Wie geht es Dir damit?

Es ist seltsam und zugleich beängstigend. Vor ein paar Wochen wollte ich ehrlich gesagt noch nicht wirklich wahrhaben, wie dramatisch das Ganze ist. Dann kam der Moment, an dem ich erkannt habe, wie ernst die Lage doch ist – die gesamte Welt war betroffen und immer mehr Ereignisse überschlugen sich. Als der Entschluss gefasst wurde, Schulen und Kitas zu schließen, klopften leise erste Ängste bei mir an und es stellte sich die Frage: Wie geht es wohl weiter?

Dieses Gefühl und diese Frage haben wahrscheinlich viele von uns in den vergangenen Wochen bewegt. Hat es in dieser Zeit Änderungen für Deinen Tagesablauf gegeben?

Bei uns stand schnell fest, dass wir die Einrichtung nicht schließen können. Denn ich arbeite im Bereich der stationären Jugendhilfe. Die Mädchen und Jungen, die wir dort betreuen, können nicht einfach an anderen Stellen untergebracht werden. Dennoch hat sich etwas bei mir geändert. Mir ist bewusst geworden, dass wir die Möglichkeit haben, aus dieser Situation das Beste zu machen, sie sogar als Geschenk zu sehen. So werden wir zwar gezwungen mehr Zeit in unseren eigenen vier Wänden zu verbringen, diese können wir nun aber nutzen, um zu entschleunigen und sie mit unseren Liebsten und uns selbst bewusst zu verbringen, ganz ohne „Freizeitstress“. Es ist der richtige Zeitpunkt, achtsamer zu sein, wenn auch nur in kleinen Schritten.

Hast Du Tipps für uns, wie diese Schritte aussehen könnten?

Im vergangenen Jahr habe ich das, zu meinem Blog gleichnamige, Projekt „Gib auf dich acht“ gestartet. Zusammen mit Grundschulkindern haben wir Ideen gesammelt, wie wir im Alltag achtsamer werden können. Dabei kamen zehn sehr schöne Achtsamkeitsanregungen hervor.

Achtsamkeit ist so facettenreich. Wir haben mit den zehn Punkten einige kurze Übungen zusammengetragen, die die Kinder für sich oder die Familie gemeinsam nutzen kann, um achtsamer zu werden. Mit der Zeit passt man die Übungen vielleicht auch an oder entwickelt sogar eigene, es gibt keine Grenzen. In meinen Podcast gebe ich immer wieder neue Anregungen. Ich nutze all diese Übungen auch sehr gerne auf meiner Arbeit, in der stationären Jugendhilfe. Für die Mädchen in meiner Wohngruppe ist es auch eine ungewohnte Situation, aus der wir gemeinsam jedoch das Beste machen. In meinen Diensten kommen wir regelmäßig in der Gruppe zusammen, um unsere Achtsamkeit zu kultivieren. Außerdem haben wir das Glück, viel Platz in unserer Einrichtung zu haben, sodass man sich aus dem Weg gehen kann, wenn man Abstand braucht.

Das klingt nach einer schönen Routine! Merkst Du denn eine Veränderung bei Deinen Mädchen durch diese Übungen?

Zu Beginn waren sie etwas skeptisch. Für sie war es ungewohnt, einfach mal „Nichts zu tun“, ihrer Umgebung zu lauschen und Wolken zu beobachten. Mittlerweile sind sie sehr motiviert und gestalten die Übungen fantasievoll mit. Es macht mir Freude, ihnen die Achtsamkeit näher zu bringen und damit ihre Ressourcen, zu stärken. Nebenbei sind sie eine ganze Weile beschäftigt und ihr Kreativität wird gefördert. Achtsamkeitstraining mag kein „Allheilmittel“ sein. Aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass es für uns und auch die Kinder eine schöne Möglichkeit ist, Stresspotentiale zu verringern und die psychische Widerstandkraft zu stärken. Etwas, das uns vor allem heutzutage eine große Hilfe sein kann.

 

Über Jacqueline Bencsik:

Jacqueline Bencsik ist ausgebildete Sozialpädagogin und hat sich als solche dem Thema Achtsamkeit für Kinder verschrieben. Sie möchte nicht nur Eltern und Lehrer, sondern auch Kinder dafür sensibilisieren und damit helfen, ihr Potential zu entfalten. Auf ihrem Blog schreibt sie rund um dieses Thema, berichtet über ihre Projekte, erzählt Anekdoten und gibt Anregungen für Achtsamkeitsübungen. Für die ALH-Akademie ist sie als Dozentin zum Beispiel in der aktuellen Frühjahresreihe mit dabei.