Innere Balance: Achtsamkeit - wie Du den Stillstand für Dich als Chance nutzen kannst

Die Welt ist noch entschleunigt, das öffentliche Leben bisher noch stiller als gewöhnlich. Der Anlass ist ein trauriger und dennoch birgt diese Situation – wie jede – auch eine Chance. Welche Vorteile hat sie für dich? Vielleicht hast du trotz des Verzichts die Ruhe oder die „gewonnen“ Zeit -zumindest zeitweise- genießen können? Vielleicht bist du ein bisschen auf den Geschmack gekommen von Ruhe und Muße in deinem Leben und möchtest auch in Zukunft weniger getrieben und ausgeglichener sein? Vielleicht gibt ´s aber auch keine ersichtlichen Vorteile, sondern erfüllen dich die Umstände schlichtweg mit Leid. Vielleicht hast du einen lieben Menschen verloren oder erleidest wirtschaftlichen Schiffbruch durch Corona, der dich natürlich sorgt? In jedem dieser Fälle kann Achtsamkeit helfen. Es kann ein wunderbares Werkzeug sein, um liebgewonnene Ruhe zu bewahren oder um in schwierigen, sorgenhaften Zeiten immer wieder trotz äußeren Widrigkeiten innerlich zur Ruhe zu kommen und sich zu beruhigen.

 

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Achtsamkeit Stress reduziert, und beim Umgang mit schwierigen Gefühlen und sorgenhaften Gedanken sehr effektiv ist. Auch schwierige Gefühle können sich leichter regulieren und sorgenhafte Gedanken abgebaut werden. Achtsamkeit wirkt sich erwiesenermaßen positiv auf psychische und physische Gesundheit aus und erhöht die Lebensqualität. Auch suggerieren Studien, dass Achtsamkeit eine wirksame Depressionsprophylaxe ist und positiven Effekt auf die Stimmung hat. Also kurzum es bewirkt viel Gutes.

Aber was ist Achtsamkeit überhaupt?

Der Begriff „Achtsamkeit“ ist in vieler Munde, aber nicht immer wird darunter das verstanden, was die Wissenschaft darunter versteht. So wird Achtsamkeit im Volksmund der Begriff Achtsamkeit manchmal als Synonym für Unaufmerksamkeit, Ordnung, Ruhe oder auch Rücksichtnahme benutzt. Die Wissenschaft hingegen bezieht sich auf Achtsamkeit im Sinne von „Mindfulness“ = der englische Begriff für Achtsamkeit. Sie untersuchte eine Achtsamkeitsübungspraxis, bei der es immer wieder darum geht, seine Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt zu lenken bzw. im gegenwärtigen Moment verweilen zu lassen. Viele Studien beruhen dabei auf den Effekten eines Mindfulness Based Stress Reduction Programms. Ein 8-wöchiger, von Joan Kabat-Zinn entwickelter Kurs, der klassische Achtsamkeitsübungen umfasst, die auch im Rahmen der Achtsamkeitstrainerausbildung bei der ALH gelehrt werden. Bei diesen Übungen geht es immer wieder darum, seine Aufmerksamkeit auf absichtslose, ziellose Art und Weise auf den augenblicklichen Moment zu richten. Was dabei entsteht ist eine Geisteshaltung die man „mindful“ achtsam nennt. Sie ist gekennzeichnet von Gegenwärtigkeit, Gleichmut und innerer Sammlung. Man könnte auch sagen, achtsam sein hat im Kern etwas mit präsent sein im Hier und Jetzt zu tun.

Diesen Zustand von Gegenwärtigkeit und „da“ sein, kennen wir durchaus auch ohne bewusstes Üben von Achtsamkeit. So hat der ein oder andere vielleicht solche Momente mal im Urlaub erlebt, während man entspannt aufs Meer schaute oder lange in der Natur war und es still und friedlich in einem wurde. Oder auch vom längeren Joggen, wenn irgendwann die Gedanken ruhiger werden und einfach nur noch die Bewegung wahrgenommen wird oder einfach beim zufriedenen Nachruhen nach einer leckeren Mahlzeit. Präsent zu sein im Hier und Jetzt ist an sich ein natürlicher Zustand, der für uns im heutigen, sehr schnelllebigen Zeitalter der Digitalisierung aber nicht mehr oder nur sehr selten zugänglich ist. So oft funkt im wahrsten Sinne des Wortes eine WhatsApp oder E-Mail dazwischen und reißt uns gedanklich wieder fort aus dem Hier, hinein in andere Welten. So sind viele von uns permanent auf Trab. Innere To Do-Listen werden durchgegangen, der Tag, die Woche, das Wochenende geplant, aufs Handy reagiert oder über vergangenes Grübeln - Dies ist für viele der tatsächlich erlebte „normal“-Zustand. Sprich in der Realität sind wir meist nicht so viel des Tages tatsächlich im Hier und Jetzt präsent, sondern gedanklich eher in der Zukunft, Vergangenheit, digitalen Blase oder (selbst)bewertenden Gedanken. Auch wenn Planen (Zukunft), Reflektieren (Vergangenheit) und Bewerten durchaus sinnvoll und nützlich ist, so kann es, wenn es Überhand bekommt, dennoch zum Nachteil werden. Wir fühlen uns Getrieben, haben nur noch das Gefühl innerlich leer zu funktionieren oder den Dingen nachzurennen. Wir sind im inneren Hamsterrad, in dem eine Dynamik entstehen kann. Man glaubt, einfach nur noch schneller Rennen zu müssen, um möglichst bald endlich anzukommen bzw. dann im Urlaub, beim Erreichen des Ziels – in einem zukünftigen Moment- das Glück und die Ruhe zu finden.

Achtsamkeitsübungen laden uns ein, aus diesem inneren Hamsterrad auszusteigen und die Aufmerksamkeit auf das, was jetzt gerade in diesem Augenblick ist, zu richten und innezuhalten. Einen Moment mal nicht mehr weiter zu funktionieren, nicht mehr zu streben, sondern sich zu erlauben zu verweilen und einfach nur zu sein 😊 So können wir durch Achtsamkeit erleben, dass Glück, Ruhe und ein Gefühl von angekommen sein, JETZT bereits erlebbar sein kann - jetzt in diesem Augenblick. Klar spielen Übung sowie Lebensumstände und vieles mehr mit rein, ob man tatsächlich Glück und Ruhe in diesem Moment erlebt oder vielleicht erst einmal mit anderen Erlebnissen konfrontiert ist. Dennoch können Glück und Ruhe ausschließlich im Jetzt erlebt werden. Auch die Zukunft, wenn sie da ist, ist im Jetzt.

Warum warten bis zum späteren Jetzt und nicht gleich beginnen? Wie? – indem du beispielsweise jetzt in diesem Moment mal spürst wie du dasitzt.

Wo spürst du die Berührungen vom Stuhl/Sessel/Boden unter dir?

Wo nimmst du Berührung im Rücken war?

Kannst du auch deinen Atem spüren? Wenn ja, wo? Schließe gern deine Augen und erlaube dir mal 2 bewusste Atemzüge zu spüren.

Ja, so simpel ist Achtsamkeit. Im Kern geht es nur darum wahrzunehmen, was jetzt gerade ist. Hierfür erlaubt man der Aufmerksamkeit sich im Hier und Jetzt zu ankern - beispielsweise durch Fokussierung des Atems, durchs Wahrnehmen von Körperempfindungen oder auch Lauschen der eigenen Gedanken, ohne dabei einzugreifen. Du könntest aber genauso gut die Aufmerksamkeit auch auf Sinneseindrücke richten und mal bewusst äußeren Klängen lauschen. Was hörst du jetzt gerade?

Du könntest auch deine Augen nutzen und mal ganz bewusst schauen, was du jetzt gerade siehst. – Hierfür richte deinen Blick am besten für einen Moment vom Bildschirm ab und schaue dir beispielsweise mal bewusst den Rahmen deines Bildschirms an.

Vielleicht nimmst du dabei kommentierende Gedanken wahr wie „na was soll das jetzt“? Es ist ganz normal Gedanken zu haben, die gehören beim Üben von Achtsamkeit mit dazu. Es geht lediglich darum, die Aufmerksamkeit immer wieder zurück zu bringen ins Hier und Jetzt. Gedanken sind dabei völlig in Ordnung.

Manchmal hat man quälenden Gedanken, die oftmals sehr beharrlich sein können und mit unangenehmen Gefühlen einher gehen. Sie sind natürlich durchs Üben von Achtsamkeit nicht sofort wie auf Knopfdruck weg. Aber durch das stete Zurückbringen der Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt und längeren Übungseinheiten kannst du Abstand zu ihnen gewinnen und mit der Zeit leichter zurück finden in die eigene Mitte.

Achtsamkeit ist simpel aber nicht einfach. Um das wahre Potential von Achtsamkeit zu erleben, braucht es eine Zeit des konsequenten Übens. Aber auch kleinere Einheiten lohnen sich. Dabei empfiehlt es sich nicht gleich in schwierigen Momenten - sprich Momenten von starken unangenehmen Gefühlen - zu üben, sondern erst einmal bei günstigen Bedingungen anzufangen. So kannst du ein Fundament in dir aufbauen, dass dir dann in einem herausfordernden Moment dient. Der noch teilweise aktive Lock-Down könnte vielleicht ja für dich ein günstiger Moment sein, da durch das Runterfahren insgesamt mehr Ruhe im Außen ist. Fangen gerne jetzt schon an mit dem Üben, so dass du die Ruhe auch mit in das „normale“ Leben nehmen kannst 😊

Solltest du emotional stark belastet sein und nun meinen, „das ist eine schwierige Zeit, da fang ich dann lieber nicht an mit Achtsamkeit“, dann möchte ich dir widersprechen und Mut machen. Viele Menschen kommen zur Achtsamkeit in persönlich herausfordernden Zeiten. Schau welcher Moment im Tag günstig für dich ist und fang an zu üben 😉

Begleite uns doch gerne bei unserer Online-Reihe "21 Tage Achtsamkeit". Wir starten am 4. Mai und werden dir drei Wochen lang live-Webinare, Podcasts und Übungen auf unseren Social Media Kanälen und weitere Blogbeiträge an die Hand geben. Außerdem haben wir ein Achtsamkeits-Tagebuch gestaltet, welches du dir downloaden und in dieser Zeit ausfüllen kannst. So wird es dir sicher gelingen einen Anfang zu machen, in der Reise zum ewigen Jetzt 😊

 

  5 Übungen für mehr Achtsamkeit im Alltag

1. Iss bewusst!
Widme Dich den Tag über während Deiner Mahlzeiten nur dem Essen & Trinken. Schau es Dir an, schmecke, rieche & höre genau hin.

2. Tue etwas Gutes!Tue heute anonym etwas Gutes.
Lege zum Beispiel Schokolade auf den Platz eines lieben Kollegen oder übernehme die Aufgabe von jemand anderem.

3. Achte auf Deine Körperhaltung!
Achte zum Beispiel bei jeder Mahlzeit darauf, wie Du sitzt. Wie fühlt es sich an, was kannst Du verändern?

4. Lausche den Klängen!
Halte heute immer wieder inne & höre einfach. Nimm leise & laute, ferne & nahe Geräusche wahr. Vielleicht hörst du auch Dich selbst.

5. Verteile Komplimente!
Denke heute an eine Dir nahestehende Person & mache ihr ein wohlüberlegtes Kompliment.

Über Caroline de Jong:

Caroline de Jong arbeitet mit ihrem Hintergrund als Psychologin (MSc.), Körper-psychotherapeutin, Achtsamkeits- und Yogalehrerin sowohl als Studientutorin als auch als Dozentin an der ALH-Akademie, an der sie u.a. die Ausbildung zum Achtsamkeitstrainer betreut. Seit über 15 Jahren beschäftigt sie sich mit Achtsamkeit, Bewusstseinsentwicklung und Ganzwerdung und freut sich über jeden, der sich für diese Themen begeistert und sich darin weiterbilden möchte. In ihrer Freizeit tanzt und musiziert sie gerne und liebt es, die Räume hinter Bewegungen und Klängen zu erforschen, sowie sich einfach im Moment zu verlieren.