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Neurodivergenz: Erklärung, Arten und Symptome

von Caroline Hasenberg, 02/26, Lesezeit: 6 Minuten

Dass jemand neurodivergent ist, hörst Du heute häufig – aber was genau hat es damit auf sich? Was zählt dazu, was bedeutet das? Ist das eine Art Modediagnose oder steckt doch mehr dahinter? Hier bekommst Du einen Überblick zum Thema Neurodivergenz. Wir stellen dir Arten, Symptome und Studien zu diesem spannenden Feld vor.

Das Wichtigste auf einen Blick

Was bedeutet es, neurodivergent zu sein?

Eine Person ist neurodivergent, wenn ihr Gehirn und ihr Geist anders funktionieren als beim Großteil der Menschen. Um das feststellen zu können, müssen wir erst einen Punkt verstehen: Jedes Gehirn ist einzigartig. Das liegt daran, dass es sich aus rund 86 Milliarden Nervenzellen zusammensetzt, von denen jede über bis zu 10.000 Synapsen verfügt. Alle Menschen haben also ein Gehirn mit einzigartigen Verknüpfungen. So weit, so vielfältig.

Beim Blick auf die gesamte Breite dieser Vielfalt stellst Du schnell fest, dass Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen bei einem Großteil der Menschen innerhalb eines bestimmten, wenn auch fließenden Rahmens liegen. Diejenigen, bei denen das der Fall ist, werden als neurotypisch bezeichnet. Diejenigen, deren neuronalen Funktionen außerhalb dieses Rahmens liegen, sind neurodivergent.

Du siehst schon, dass das alles nicht klar abgesteckt ist: Schließlich kannst Du mit bestimmten Punkten mitten im als Norm definierten Spektrum liegen und mit anderen außerhalb. Oder Du steckst in einer Grauzone zwischen neurotypisch und neurodivergent. Die Forschung hat hier noch sehr viel zu tun. Aktuell gehen wir aber davon aus, dass 15 bis 20 Prozent [4] aller Menschen neurodivergent sind.

Infografik "Wie viele Menschen sind neurodivergent?"

Welche Symptome von Neurodivergenz gibt es?

Dass die Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen jenseits eines bestimmten Rahmens liegen, bedeutet, dass sie an verschiedenen Enden eines Spektrums liegen können. Und das wiederum heißt, dass es keine allgemein gültigen Symptome von Neurodivergenz gibt. Stattdessen gehen verschiedene Arten von Neurodivergenz mit verschiedenen Symptomen einher.

Info: Die Symptome neurodivergenter Kinder und Erwachsener können sich ähneln. Oft lernen Menschen jedoch früh im Leben, ihre Andersartigkeit durch Masking [5] zu verstecken: Sie ahmen das Verhalten neurotypischer Menschen nach und verbergen ihre Schwierigkeiten. Das ist allerdings anstrengend und zermürbend.

Welche Arten von Neurodivergenz gibt es?

Insgesamt gibt es je nach Quelle verschieden viele Arten von Neurodivergenz – ADHS, ASS, Dyslexie und Dyskalkulie zählen beispielsweise fast alle Experten dazu. Wir geben Dir einen Überblick über die gängigsten Formen.

Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Die Symptome von ADHS können sich stark unterscheiden. Lange gingen Forschende und Ärzte etwa davon aus, dass der Hyperaktivitätsanteil bei Mädchen weniger stark ausgeprägt ist. Inzwischen allerdings verhärtet sich der Verdacht, dass die ausgeprägte Unruhe sich bei den meisten Mädchen und Frauen eher innerlich abspielt.

Mögliche Symptome von ADHS sind:

Oft haben Menschen mit ADHS außerdem Probleme damit, Zeiten oder zeitliche Abläufe richtig einzuschätzen, was ungewollt zu Unpünktlichkeit führen kann.

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)

Die Symptome der ASS können sehr stark unterschiedlich ausgeprägt sein – manche Betroffenen kommen gut allein zurecht, andere benötigen ihr Leben lang Unterstützung. Ihre geistige Entwicklung kann von der Behinderung über normale Begabung bis hin zur Hochbegabung reichen.

Das sind die typischen ASS-Symptome:

Depressionen oder Angststörungen können als Begleiterscheinungen von ASS auftreten, da die meisten Betroffenen sich ihrer Andersartigkeit schmerzlich bewusst sind.

Weitere Neurodivergenz-Varianten im Überblick

Dyslexie (Lese-Rechtschreibstörung)

Betroffene haben teils sehr große Schwierigkeiten, Buchstaben zu erkennen und sinnerfassend Wörter zu lesen, geschweige denn zu schreiben.

Dyskalkulie (Rechenstörung)

Diese Variante geht mit einem fehlenden Mengenverständnis und mangelnder Zählfähigkeit einher, also einer Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens.

Dyspraxie (Entwicklungskoordinationsstörung)

Betroffene entwickeln Grob- und Feinmotorik nur unter Schwierigkeiten, haben oft mit alltäglichen Aufgaben wie Anziehen Probleme und handeln trotz normal entwickelter Intelligenz langsamer als andere Menschen.

Synästhesie

Bei Betroffenen sind die Sinneswahrnehmungen verknüpft: Für sie können etwa Klänge, Zahlen oder Gerüche mit Farben oder Formen verbunden sein oder Wörter einen Geschmack haben. Die meisten Betroffenen empfinden die Synästhesie als Bereicherung.

Tic-Störungen

Tics sind unwillkürliche Abläufe wie Lautäußerungen, die keinen tatsächlichen Zweck haben, oder ungewollte Muskelkontraktionen. Die schwerste Form des Tics ist das Tourette-Syndrom [14].

Hochbegabung

Als hochbegabt gilt, wer einen IQ von über 130 hat. Diese Menschen erfassen sehr schnell Zusammenhänge und sind wissbegierig, einfallsreich und sehr konzentrationsfähig. Viele haben eine Neigung zu Perfektionismus und langweilen sich schnell.

Hochsensibilität

Ob die Hochsensibilität zum Spektrum der Neurodivergenz zählt, wird aktuell diskutiert. Hochsensible Menschen sind ausgesprochen empathisch, empfinden tief mit anderen mit und reagieren sensibel auf Reize aus der Umgebung, was schnell zu Überforderung führt.

Gleich mehrfach neurodivergent zu sein, ist nicht selten

Wer neurodivergent ist, hat meist nicht nur eine der beschriebenen Varianten. Stattdessen treten fast immer mehrere von ihnen zusammen auf. Zum Beispiel gehen ADHS und Dyslexie oft miteinander einher oder auch eine Autismus-Spektrum-Störung und ADHS. Zudem ist bei neurodivergenten Menschen das Risiko erhöht, an Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen oder Migräne zu erkranken.

Ist Neurodivergenz eine Modediagnose?

Kurz gesagt: Nein. Es mag manchen Menschen subjektiv so vorkommen, als seien plötzlich alle neurodivergent. Objektiv ist das aber nicht korrekt. Stattdessen ist schon immer ein gewisser Anteil der Menschen neurodivergent gewesen.

Im Jahr 1845 erschien „Der Struwwelpeter“ – ein etwas gruseliges Kinderbuch, das bemerkenswerte Protagonisten hat: Zu ihnen zählen unter anderem der Zappelphilipp, der einfach nicht stillsitzen kann, und Hanns-guck-in-die-Luft, der sich in Träumereien verliert und unaufmerksam ist. Beides sind weit verbreitete Symptome bei Neurodivergenz.

Es ist also wahrscheinlich nicht so, dass die Anzahl der neurodivergenten Menschen zunimmt. Stattdessen wächst das Bewusstsein für die Unterschiede der Gehirnentwicklung und -funktion. Und das ist gut so, denn im Zuge dieser Erkenntnis wird auch klar, dass das gesellschaftliche Leben, die Bildungs- und die Arbeitswelt überwiegend auf neurotypische Menschen ausgerichtet sind.

Gibt es mehr neurodivergente Kinder als Erwachsene?

Die meisten Diagnosen für Neurodivergenz werden im Kindesalter gestellt. Allerdings hat sich die Anzahl der Diagnosen von ADHS bei Erwachsenen zwischen 2015 und 2024 fast verdreifacht [17]. Das liegt aber nicht an einer medizinischen Mode, sondern daran, dass lange davon ausgegangen wurde, dass ADHS sich irgendwann „verwächst“ – bei Erwachsenen also gar nicht vorkommt.

Dazu erklärt Swantje Matthies [18], Leiterin der Arbeitsgruppe ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter am Universitätsklinikum Freiburg: „Das bedeutet: Die Betroffenen waren bereits im Kindesalter betroffen, wurden aber nicht diagnostiziert. Nun kommen sie 'verspätet' im Erwachsenenalter zur Diagnostik.“

Diagnostikgespräch zwischen Therapeutin und Patient

Bin ich neurodivergent? Test allein sagt nichts aus

Hast Du bei einigen der genannten Symptome aufgehorcht, kannst Du Dich untersuchen lassen. Viele Menschen machen zunächst einen Test [19], der zeigen soll, ob sie neurodivergent sind – häufig geht es zunächst um ADHS.

Achtung: Dieser Test kann ein erster Hinweis sein. Für eine Diagnose reicht er allerdings nicht aus. Leidest Du unter den Symptomen und versprichst Dir von Medikamenten Hilfe, solltest Du das Thema zunächst in Deiner Hausarztpraxis ansprechen. Die Diagnostik dauert etwas, sie umfasst:

Rezepte für Medikamente werden nur von Psychiatern ausgestellt, Hausärzte dürfen dann in Absprache mit dem behandelnden Fachärzten Folgeverordnungen ausstellen. Achtung: Das machen nicht alle, da die Medikamente als Betäubungsmittel gelten.

Info: Nicht alle neurodivergenten Menschen benötigen medikamentöse Unterstützung. Manche haben ihre eigenen Vorgehensweisen gefunden, den Alltag gut zu bewältigen. Andere profitieren von probaten Strategien, die sie etwa im Rahmen einer Verhaltenstherapie erlernen, oder von hilfreichen Tools.

Fazit: Neurodivergenz rückt in den Fokus

Viele neurodivergente Menschen wissen gar nicht, dass ihr Gehirn anders funktioniert als das von anderen. Manche von ihnen spüren, dass Menschenmengen sie anstrengen oder dass ihnen bestimmte Aufgaben schwerfallen. Sie bringen das aber selten mit dem Gedanken an Neurodivergenz in Verbindung, da dieses Empfinden für sie normal ist.

Glücklicherweise setzt inzwischen an vielen Stellen eine neue Achtsamkeit ein: Schulen und Universitäten akzeptieren Nachteilsausgleiche, Arbeitgeber schaffen Rahmenbedingungen für Menschen, denen Teamarbeit schwerfällt. Das ist möglich durch die Anerkennung, dass wir nicht alle gleich sind – und dass das gut so ist.

Caroline Hasenberg

Über Caroline Hasenberg

Caroline ist an der ALH für die Studienorganisation und das Dozentenhandling zuständig. Sie koordiniert die Zusammenarbeit zwischen Dozentinnen und Dozenten sowie Autorinnen und Autoren und dem ALH-Team, begleitet die Weiterentwicklung bestehender Lehrgänge und ist zugleich an der Konzeption neuer Inhalte beteiligt.

Darüber hinaus berät und betreut sie unsere Teilnehmenden während ihres Studiums und steht ihnen bei organisatorischen und inhaltlichen Fragen als Ansprechpartnerin zur Seite. Ihre Ausbildung und ihr Studium im pädagogischen, theologischen und bildungswissenschaftlichen Bereich bilden dabei die fachliche Grundlage für ihre Arbeit.

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