Seelsorge in Zeiten aktueller Krisen
von Merle Remler, 09/26, Lesezeit: 5 Minuten
Zwischen Nähe, Ohnmacht und Hoffnung
Die vergangenen Jahre haben unsere Gesellschaft in einer Dichte und Gleichzeitigkeit von Krisen erschüttert, wie sie viele Menschen zuvor nicht erlebt haben: Pandemie, Krieg in Europa, wirtschaftliche Unsicherheiten, wachsende psychische Belastungen und nicht zuletzt die Herausforderungen einer digitalisierten Lebenswelt prägen den Alltag. In all dem steht die Seelsorge vor der Aufgabe, Räume für Klage, Orientierung und Hoffnung offen zu halten – und sich zugleich selbst neu zu verorten.

Die lange Spur der Pandemie
Die Corona-Pandemie wirkt nach, auch wenn sie aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Für viele Menschen hat sie Spuren hinterlassen: Einsamkeit, Verlust von Beziehungen, unterbrochene oder gar zerbrochene Lebensentwürfe, durch Folgeerkrankungen, wirtschaftliche Einbuße oder Verlust. Trauer blieb oft ungelebt, Abschiede waren fragmentarisch oder gar nicht möglich.
In der Seelsorge begegnen wir diesen „verzögerten Erfahrungen“ bis heute. Bis heute sind Wut und Unverständnis mit Blick auf die Geschehnisse und erlebte menschliche Kälte ein ständiger Begleiter. Menschen erzählen, was damals keinen Raum hatte: Kontaktverbot verhinderte den Abschied am Totenbett, Impfungen sortierten Menschen in verschiedene Lager. Auch die klassische Präsenzseelsorge musste sich in der Pandemie radikal verändern: Telefonate, Videogespräche und digitale Andachten ersetzten das gleichräumliche Gespräch. Diese Formate haben neue Zugänge eröffnet, aber auch gezeigt, wie sehr leibliche Präsenz und geteilte Stille zum Kern seelsorglicher Begegnung gehören.
Die Herausforderung heute besteht darin, beides zu integrieren: die digitale Erreichbarkeit und die Sehnsucht nach unmittelbarer Nähe. Seelsorge bleibt dabei eine Praxis der Aufmerksamkeit – für das, was lange unausgesprochen geblieben ist.
Zwischen Individualisierung und Überforderung
Auch psychische Erkrankungen und Belastungen haben in dieser Zeit deutlich zugenommen bzw. sind deutlicher zu Tage getreten. Depressionen, Angststörungen, Erschöpfungssyndrome – nicht nur als individuelle Diagnosen, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Überforderung. Beschleunigung, Leistungsdruck und die ständige Vergleichbarkeit in sozialen Medien tragen ihren Teil dazu bei.
Seelsorge bewegt sich hier in einem Spannungsfeld: Sie ist weder Therapie noch bloße Begleitung. Und doch wird sie oft dort aufgesucht, wo andere Hilfesysteme überlastet oder schwer zugänglich sind. Das erfordert Sensibilität und zugleich Klarheit über die eigenen Grenzen.
Zugleich eröffnet sich hier ein spezifisch seelsorglicher Raum: die Frage nach Sinn, nach Würde jenseits von Leistung, nach einem Angenommensein, das nicht verdient werden muss. In einer Kultur, die stark auf Selbstoptimierung setzt, auf das Sammeln verschiedenster Ressourcen, kann Seelsorge ein Gegenraum sein – ein Ort, an dem Scheitern oder das Fehlen von Ressourcen ausgesprochen werden darf, ohne dass sofort Lösungen erwartet werden.
Krieg und globale Verunsicherung
Auch die international zunehmenden Kriege haben ausgehend mit dem Krieg in der Ukraine das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert. Die Rückkehr des Krieges nach Europa hat Fragen aufgeworfen, die lange als überwunden galten: nach Schuld und Verantwortung, nach Gerechtigkeit und Frieden, nach der Rolle von Gewalt. Auch die Frage nach Hoffnung und Frieden muss neu beantworten werden und wird auch theologisch wieder relevant.
In der Seelsorge begegnen uns diese Fragen oft indirekt: in Ängsten, in Zukunftssorgen, in Spannungen innerhalb von Familien oder Gemeinden. Hinzu kommen Menschen mit Fluchterfahrungen, deren Traumata durch aktuelle Ereignisse reaktiviert werden.
Seelsorge kann und soll hier keine politischen Lösungen bieten. Aber sie kann Räume eröffnen, in denen Ambivalenzen ausgehalten werden dürfen. Sie kann helfen, Sprachlosigkeit zu überwinden und die eigene Position zu reflektieren, ohne vorschnell zu urteilen. Und sie kann an die biblische Hoffnung erinnern, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg – nämlich eine umfassende Versöhnung, die über das menschlich Machbare hinausweist.
Digitale Herausforderungen – Nähe auf Distanz
Die Digitalisierung hat die Art und Weise verändert, wie Menschen kommunizieren, arbeiten und Beziehungen gestalten. Sie bietet Chancen – gerade auch für die Seelsorge. Niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten, anonyme Beratungsangebote und digitale Räume können Menschen erreichen, die sonst keinen Zugang finden würden.
Doch zugleich entstehen neue Herausforderungen: die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, die ständige Erreichbarkeit, die Gefahr von Vereinsamung trotz permanenter Vernetzung. Digitale Kommunikation kann Nähe simulieren, ohne sie vollständig zu ersetzen. Seelsorge sollte sich nicht dazu verführen lassen, sich im Entweder-oder zu verlieren. Die Frage ist nicht „digital oder analog“, sondern, wie beides in einer verantwortlichen Weise zusammenwirken kann.
So muss Seelsorge digitale Kompetenzen entwickeln und pflegen, ohne ihre eigenen Stärken zu verlieren. Ein Chat kann ein erster Schritt sein, aber er ersetzt nicht das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Eine Online-Andacht kann berühren, ist aber von anderer Qualität als die gemeinsam gefeierte Liturgie im Raum. Ein gemeinsamer Gesang entfaltet gleichräumlich eine andere Resonanz als über Kacheln gesungen. Denn Seelsorge ist hauptsächlich Resonanzraum. Sie lebt davon, dass ein Mensch einem anderen zuhört – aufmerksam, wertschätzend, offen. Dass Stimmungen erspürt werden und feine Töne gehört. In einer Welt, die oft von Beschleunigung und Oberflächlichkeit geprägt ist, wird dieses Zuhören selbst zu einer Form von Widerstand.
Warum Seelsorge gerade heute unverzichtbar ist – Zwischen Ohnmacht und Hoffnung
Wer seelsorglich arbeitet, kennt auch die eigene Ohnmacht. Nicht jede Krise lässt sich begleiten, nicht jede Wunde heilen. Es gibt Situationen, in denen Worte fehlen, in denen nur das Dableiben möglich ist.
Gerade hier liegt eine paradoxe Stärke der Seelsorge: Sie hält aus, was sich nicht auflösen lässt. Sie widerspricht damit einer Kultur, die schnelle Lösungen erwartet. In der Seelsorge darf auch das Unfertige bestehen bleiben und bekommt als dieses einen Wert zugesprochen.
Und doch verharrt sie nicht in dieser Ohnmacht. Sie lebt aus der Hoffnung – einer Hoffnung, die nicht naiv ist, sondern sich gerade in den Brüchen bewährt. Diese Hoffnung speist sich aus biblischen Geschichten, aus liturgischen Formen[VG2.1][CH2.2][VG2.3], aus der Erfahrung von Gemeinschaft, aus gegenseitigem Zuspruch.
Biblisch gesehen ist Seelsorge tief verankert in der Bewegung Gottes zum Menschen hin – und umgekehrt. Die Psalmen geben der Klage eine Stimme, die Propheten nehmen die Verzweiflung ihres Volkes ernst, und in Jesus Christus begegnet Gott selbst den Verwundeten, den Suchenden, den Gescheiterten. Seine Zuwendung gilt gerade denen, die am Rand stehen – den Kranken, den Schuldigen, den Übersehenen. Diese Motive gelten heute neu gedeutet, neue Bilder müssen gesucht werden: Wer ist schuldig, wer wird übersehen, wer ist ausgeschlossen?
Seelsorge steht damit in der Nachfolge dieser Bewegung: Sie ist Sorge um die Seele, die den ganzen Menschen meint. Sie rechnet damit, dass Gott bereits am Werk ist – oft verborgen, manchmal überraschend, immer aber auf Leben hin orientiert.
Gerade in einer Zeit, in der viele Sicherheiten wegbrechen, gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Seelsorge erinnert daran, dass der Mensch nicht nur ein sich selbst entwerfendes Wesen ist, sondern ein Angesprochener. Sein Leben gründet nicht allein in seiner eigenen Leistung, sondern in einer Beziehung, die ihn trägt.
So ist Seelsorge gerade heute unverzichtbar – nicht trotz, sondern wegen ihrer theologischen Tiefe. Sie hält die Frage nach Gott wach in einer Zeit, die oft meint, ohne diese auszukommen. Und sie bezeugt, dass das Leben mehr ist als das, was sichtbar und berechenbar ist.

Perspektiven für die Zukunft
Die aktuellen Krisen werden nicht einfach verschwinden. Vieles deutet darauf hin, dass Unsicherheit ein dauerhafter Begleiter bleibt, jede gewagte Prognose ist am nächsten Tag bereits wieder obsolet. Umso wichtiger ist es, Seelsorge als Begleitung nicht nur in Ausnahmesituationen, sondern vor allem im Alltag zu stärken und weiterzuentwickeln:
- als vernetzte Praxis, die mit anderen Professionen kooperiert
- als offene Einladung, die unterschiedliche Lebensrealitäten ernst nimmt
- als reflektierte Haltung, die eigene Grenzen kennt
- als geistliche Praxis, die aus der Tradition schöpft und zugleich neue Wege geht
Seelsorge wird dabei nicht weniger, sondern mehr gebraucht. Gerade in einer komplexen Welt wächst die Sehnsucht nach Orientierung, nach Sinn und nach tragfähigen Beziehungen. Vielleicht ist das ihre tiefste Aufgabe: Menschen darin zu unterstützen, inmitten der Krisen nicht den Kontakt zu sich selbst, zu anderen und zu Gott zu verlieren.
Denn wo dieser Kontakt lebendig bleibt, wächst – oft unscheinbar – die Kraft zum Leben.

Über Merle Remler
Merle Remler ist Theologin und Pastorin der EKBO und ist an der ALH-Akademie für den Lehrgang Seelsorge tätig. Seit 15 Jahren beschäftigt sie sich mit religiöser Rezeption von Literatur und Musik, der religiösen Sprache von Kindern und Jugendlichen und hat nach ihrem 2. Examen den Schwerpunkt der tiergestützten Seelsorge ausgebaut. Vor allem Fragen nach dem Sinn des Daseins in allem scheinbaren Unsinn, Religion als Deutung des Lebens und Martin Bubers „Ich und Du“ im Sinne der heilsamen Begegnung mit dem Lebendigen, prägen ihre Arbeit.